Lice-Ladys: Mit Kamm und Geduld

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Lice-Ladys: Mit Kamm und Geduld

Wer sich auf den Weg zu Lauren Salzbergs Salon macht, ist mit den Nerven oft völlig am Ende. Die Wagen vor der Einfahrt des Einfamilienhauses, das in einer Vorstadt von Washington liegt, kommen aus der US-Hauptstadt, aber auch aus Maryland und Virginia, manche sogar aus Pennsylvania oder Georgia.

«Lice-Lady» verrät ein kleines Schild vor der umgebauten Garage. Hier haben alle Besucher dasselbe Problem: Kopfläuse, die sie nicht mehr loswerden. Lice-Ladys («lice» ist die Mehrzahl von «louse», moreover auf Deutsch: Läuse-Damen) wie Lauren Salzberg treten dem mit Geduld, Haarspülung und Läusekamm entgegen.

«Vor zwei Jahren hatten wir schon einmal Läuse. Aber dieses Mal sind wir sofort hierhergekommen», erzählt eine Kundin mit swift hüftlangem Haar und mit Betonung auf «sofort». Sie hat den ersten von Laurens zahlreichen Terminen an diesem Tag erwischt und den neunjährigen Sohn dabei. Ebenso wie seine Mutter soll der sich nach der Erstbehandlung vor einer Woche nun nochmal durchchecken lassen.

Salzberg (46), sorgfältig geschminkt, im geblümten Kittel und mit gemusterter OP-Haube auf dem Kopf, greift zu Kamm, Haarspülungs-Spray und legt los. Sorgfältig arbeitet sie sich durch, Strähne für Strähne, begutachtet jedes Läuseei, das sie aus den Haaren kämmt, und entsorgt die Reste in einer Art Tischabfalleimer. «Sieht sehr, sehr gut aus», sagt sie schließlich zufrieden.

90 US-Dollar (etwa 84 Euro) pro Stunde sind für den Ersteinsatz der Läuse-Frau fällig, 25 Dollar für den Abschluss-Check. Eine Summe, die viele gerne bezahlen, denn sie werden des Problems alleine nicht mehr Herr. Aktuelle Zahlen gibt es nicht, aber in einer älteren Schätzung geht die US-Gesundheitsbehörde CDC davon aus, dass Jahr für Jahr sechs bis zwölf Millionen Amerikaner ein Kopflausproblem haben. Doch das ist in einem Körperpflege-betonten Land, in dem Häuser oft so viele Bäder wie Schlafzimmer haben, immer noch ein Stigma – es könnte ja mit mangelnder Hygiene in Zusammenhang gebracht werden.

Hauptgrund für die Plage: Ähnlich wie in Deutschland entwickeln auch in den USA immer mehr Kopfläuse Resistenzen gegen lang bewährte Mittel, etwa Produkte mit Geranienextrakt.

«Resistente Läuse in 25 US-Bundesstaaten» meldete kürzlich eine Forschergruppe der Universität Massachusetts. Dort befasst sich der Umwelttoxikologe John Clark seit längerem mit dem Läusethema und den wachsenden Resistenzen. Dass er im Zusammenhang mit seiner jüngsten Studie im anerkannten «Journal of Medical Entomology» jedoch neuartige, sehr teure Anti-Läusemittel empfahl und die Studie von der Pharma-Industrie mitfinanziert war, brachte ihm wiederum Kritik ein.

Das Thema Läuse ist aufgeladen: Neue, starke, teils verschreibungspflichtige Medikamente haben eine Wirksamkeit von zumindest 80 Prozent – aber sie kosten pro Fläschchen 120 Dollar oder mehr. Ist eine ganze Familie befallen, sind da schnell Hunderte Dollar fällig, und längst nicht jeder hat eine Versicherung, die dies abdeckt.

Anders als in Deutschland sind günstigere Präparate auf Silikon-Basis kaum bekannt und werden von der Gesundheitsbehörde oder Kinderärzten auch nicht empfohlen. Zwar betont auch Prof. Clark auf Nachfrage: «Diese Produkte auf Basis von Dimeticon wirken ziemlich gut.»

Doch die Kinderarztvereinigung AAP antwortet auf Anfrage, es fehlten kontrollierte Wirksamkeitsstudien. Folge: Sie legt Hilfesuchenden weiterhin den Einsatz der oft unwirksamen Produkte aus dem Drogeriemarkt nahe – mit dem Effekt, dass manche Familien monatelang vergeblich gegen die Läuse ankämpfen.

Der AAP-Empfehlung haben sich auch viele Schulen, in Personifikation der schuleigenen Krankenschwestern, angeschlossen. Laurens Kundin zeigt eine E-Mail der Schulbehörde, in der der Einsatz herkömmlicher Produkte verlangt wird, damit das Kind wieder zur Schule darf. Ein Herauskämmen der Läuse wird dagegen nicht als Behandlung anerkannt.

Lauren Salzberg, die vor ihrer Tätigkeit als Lice-Lady Kindergärtnerin war und dort viel Erfahrung im Kampf gegen die juckenden Quälgeister sammelte, bringt das auf die Palme.

«Warum greift man nicht auf die einfachste und günstigste Methode zurück? Warum soll man seinen Kindern Pestizide auf den Kopf kippen?» Auch wer kein Geld für den Besuch einer Lice-Lady habe, könne das mit Läusekamm und Haarspülung hinkriegen. «Man braucht nur Geduld.»

Source: „dpa“

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