Dax geht nach Jahreshoch die Puste aus

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Dax geht nach Jahreshoch die Puste aus

Sichtliche Erleichterung an Europas Börsen: Die Nacht der großen Entscheidungen kam ohne böse Überraschungen aus. Bei den niederländischen Wahlen konnten die amtierenden Liberalen das Rennen machen, die Euro-Gegner um den Rechtsausleger Geert Wilders blieben hinter den Erwartungen. Auch aus Washington wehte kein Gegenwind. Wie erwartet erhöhte die US-Notenbank Fed die Leitzinsen, drückte aber nicht noch mehr aufs Tempo. In einer ersten Reaktion sprang der Dax am Donnerstag auf ein 23-Monats-Hoch von 12.156 Punkten. Zum Allzeithoch vom April 2015 mit 12.390 Punkten fehlten knapp zwei Prozent. Im Handelsverlauf verlor sich aber der Schwung. Zuletzt notierte der Deutsche Aktienindex mit 12.069 Zählern im Späthandel solide 0,5 Prozent fester.

Bei den niederländischen Parlamentswahlen setzte sich die liberal-konservative VVD des Ministerpräsidenten Mark Rutte durch. Der Islam- und EU-Gegner Geert Wilders und seine PVV konnten die starken Umfragewerte nicht in Wählerstimmen ummünzen. Sie kamen auf einen zweiten Platz, dicht gefolgt von Christdemokraten und Linksliberalen. In der zersplitterten Parteienlandschaft der Niederlande stehen jetzt schwierige Koalitionsverhandlungen an, für die Regierungsbildung wird es mindestens vier Parteien brauchen. Eine Beteiligung der PVV gilt als sehr unwahrscheinlich, sprachen sich die anderen großen Parlamentsparteien doch deutlich gegen eine Zusammenarbeit aus.

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Anleger zeigten sich gelöst, ein Wahlsieg Wilders' hätte im europäischen Superwahljahr 2017 für einen Aufschwung der Rechtspopulisten sorgen können. Und die Euro-Zone und damit die Europäische Union als Ganzes destabilisiert. „Das ist ein klares pro-EU- und pro-Euro-Votum", meinte etwa Fondsmanager Thomas Altmann von QC Partners. „Die erste Wahl des europäischen Superwahljahres ist damit ohne Unfall über die Bühne gegangen.“ Die Franzosen wählen im April und im Mai ihren Präsidenten, im September folgen die Bundestagswahlen in der Bundesrepublik. In beiden europäischen Kernländern sprechen sich rechtsnationale Kräfte gegen die europäische Integration aus.

Vor allem die französischen Wahlen haben großes Verwerfungspotenzial. Dort ist die Kandidatin des erstarkten Front National, Marine Le Pen, dabei, es in die Stichwahlen um das höchste Amt der Grande Nation zu schaffen. Sie wirbt mit einem Referendum über die Mitgliedschaft in der Europäischen Union, in der Hoffnung auf einen Austritt des Landes. Im vergangenen Jahr hatten es die Briten vorgemacht. Mit einem sogenannten Frexit, dem Ausscheiden Frankreichs aus der EU, stünde der Zusammenhalt der Union auf dem Spiel.

Europas Handelsplätze verbuchten durch die Bank weg Gewinn, die im Laufe des Handels kleiner wurden. Der Euro-Stoxx-50, Leitindex der Währungsunion rückte mit einem Plus von 0,8 Prozent auf 3436 Punkte vor. Zwischenzeitlich lief er so hoch wie November 2015 nicht mehr. In Amsterdam stieg der AEX um 0,8 Prozent auf 515 Punkte, zuletzt erreicht: 2008. Der französische CAC40 gewann 0,8 Prozent auf 5029 Punkte, der italienische MIB legte dank gefragter Bank-Papiere 1,4 Prozent zu und sprang erstmals seit 15 Monaten wieder über die 20.000-Punkte-Marke. Lediglich der Schweizer SMI gab ein halbes Prozent ab auf 8644 Punkte. Die Schweizer Notenbank SNB rüttelte bei ihrer vierteljährlichen Sitzung nicht an ihren Negativzinsen.

In Frankfurt notierte der MDax 0,6 Prozent fester bei 23.657 Stellen, der TecDax ein halbes Prozent höher bei 1986 Punkten. Die Wall Street ging freundlich in den Donnerstag, brachte aber keine neuen Impulse für den europäischen Handel. Der Dow-Jones-Index tippelte weiter vor, ein kleiner Aufschlag von 0,2 Prozent brachte einen neuen Stand von 20.987 Punkten. Zum Allzeithoch von Anfang März fehlt ein knappes Prozent. Der S&P-500 trat mit 2368 Zählern auf der Stelle, der Nasdaq-100 mit 5419 Punkten ebenfalls.

Fed gibt vorsichtig Gas

Gute Nachrichten kamen auch aus den USA. Dort entschied sich die Federal Reserve für eine Erhöhung der Leitzinsen. Wie erwartet stieg der Schlüsselsatz, zu dem die Geschäftsbanken mit Geld versorgt werden, um 0,25 Prozent auf einen Korridor von 0,75 bis 1,00 Prozent. Es ist der dritte Zinsschritt seit der Finanzkrise und der erste von dreien, die die Notenbank für das laufende Jahr angekündigt hatte. Weil die Konjunktur in den Vereinigten Staaten eine solide Dynamik entwickelt hat, der Arbeitsmarkt eine hohe Beschäftigungsquote aufweist und die Preise wieder anziehen, forciert die vorsichtige Fed nun energischer ihre Zinswende.

Grundsätzlich sind es eher fallende Zinsen als steigende, die die Aktionäre erfreuen, landet doch nicht wenig des billigen Notenbankgeldes auf dem Aktienmarkt und treibt dort die Kurse. Doch inzwischen erlauben die Konjunkturdaten eine Straffung der Geldpolitik, das ist auch auf dem Parkett Konsens. Der Mechanismus: Die Gewinne der Unternehmen entwickeln im Laufe der Zeit eine Dynamik, die die Unterstützung von monetärer Seite – sprich weiterhin niedrigen Zinsen – nicht mehr nötig macht. Dass die Dollar-Hüter die Zügel nun kürzer halten, ist moreover vor allem als Ausdruck für das Vertrauen in die Konjunktur zu verstehen.

Hinzu kommt, dass die Märkte fest mit einer strengen Gangart gerechnet haben. Lang genug hatten die Fed-Oberen die Finanzwelt auf höhere Zinsen eingeschworen. Notenbank-Chefin Janet Yellen hatte zuletzt klargestellt, ihr Haus sei sowohl handlungsfähig als auch -willig. Die lange Vorbereitung nahm den Druck aus den Märkten. Und ist die Marschrichtung einmal vorgegeben, können sich die Börsianer mit swift allem arrangieren. Es gilt die alte Devise: Nichts scheuen die Börsen mehr als Unsicherheit.

Gleichzeitig sorgte für Erleichterung, dass die Federal Reserve nicht zu sehr aufs Gas tritt. Auf der Pressekonferenz nach der Fed-Sitzung gab Yellen keine Hinweise auf eine Verschärfung des Tempos, mit dem die Zinsen steigen. Der ein oder andere hatte mit der Andeutung einer weiteren, vierten Erhöhung für 2017 gerechnet.

Unter den Einzelwerten im Dax drehte die Lufthansa einsam ihre Runden. Die Papiere schossen um fünf Prozent in die Höhe. Schon gestern hatte die Einigung im Dauerstreit mit der Pilotengewerkschaft Cockpit für erste Freude gesorgt. Nun überraschte die Kranich-Linie die Aktionäre mit starken Geschäftszahlen: 1,8 Milliarden bedeuteten einen Rekordgewinn, dafür sorgten im schwierigen Umfeld steigende Passagierzahlen und harte Bandagen im Tarifkonflikt. 2016 war ein turbulentes Geschäftsjahr für Deutschland größte Airline, im Sommer hatte der Vorstand die Prognosen gekappt, im Herbst dann aber wieder erhöht. Für das laufende Jahr stellte Lufthansa-Chef Carsten Spohr einen etwas geringeren Gewinn in Aussicht.

KONTEXT

Analysten zum Wahlausgang in den Niederlanden

Thomas Altmann (Vermögensberater QC Partners)

"Das ist ein klares pro-EU und pro-Euro Votum. Die erste Wahl des europäischen Superwahljahres ist damit ohne Unfall über die Bühne gegangen."

Milan Cutkovic (Brokerhaus Axitrader)

"Nach der Niederlage des Rechtspopulisten Wilders werden auch die Chancen für Marine Le Pen, die französische Präsidentschaftswahl zu gewinnen, als gering eingeschätzt."

Analysten der Essener National-Bank

"Dass die Niederländer nach den jüngsten Hochrechnungen der VVD von Mark Rutte erneut ihr Vertrauen schenkten, wird die Stimmung heute Morgen aufhellen. Dabei sollte jedoch keinesfalls übersehen werden, dass die Regierungsbildung in den Niederlanden eine sehr schwierige Aufgabe werden wird. Es müssen die Positionen von mindestens vier Parteien unter einen Hut gebracht werden, will Rutte erneut mit einer stabilen Mehrheit regieren. Dementsprechend lang dürfte sich der Prozess der Koalitionsbildung hinziehen."

Jörg Krämer (Commerzbank)

"Das Wahlergebnis aus den Niederlanden bringt der französischen Rechtspopulistin Le Pen für die Präsidentschaftswahl keinen Rückenwind. Aber aus Sicht der Finanzmärkte ist das Risiko Le Pen noch nicht gebannt. Und selbst wenn sie die Wahl verliert, dürfte die Währungsunion wegen der unterschiedlichen wirtschaftspolitischen Auffassungen seiner Mitglieder nicht zur Ruhe kommen. Schließlich bestünde das eigentliche Problem der Währungsunion fort: Unterschiedliche Grundvorstellungen über die Haushalts- und Geldpolitik. Während die Länder im Süden und ihr inoffizielles Sprachrohr Frankreich eine von den Politikern dominierte Zentralbank wollen, die eine lockere Haushaltspolitik alimentiert, präferieren die meisten Wähler in Deutschland, Österreich und den Niederlanden eine unabhängige Zentralbank und eine solide Haushaltspolitik."

Thomas Gitzel (VP Bank)

"Es besteht begründeter Anlass zur Hoffnung, dass die politischen Erdbeben von 2016 in diesem Jahr ausbleiben werden. Möglicherweise kommt es sogar zu einer erfreulichen Wende – auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Sollte in Frankreich der unabhängige Kandidat Emmanuel Macron die Präsidentschaftswahl gewinnen, könnte ein frischer Wind im Á‰lysée-Palast wehen."

Source: „Handelsblatt“

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